Quelle: WR Warstein vom 02.01.2003

Die gesamte alte Welt brach zusammen

Warstein. (mo) "Ohne groß darüber nachzudenken, haben wir uns heute ein frohes neues Jahr gewünscht . Vor 200 Jahren hatte man sich das neue Jahr sicher anders vorgestellt", predigte Pfarrer Schmidt-Nüse in der Gedenkmesse an den Stadtbrand vor 200 Jahren.

Zusammen mit Pfarrer Heers hielt der aus Warstein stammende Schmidt-Nüse die Messe in der Alten Kirche; Hauptzelebrant war Pfarrer Karl Henke: Dessen Urururgroßvater war nämlich 1802 Bürgermeister von Warstein. Der Messkelch ist der alte Abtskelch aus dem Kloster Grafschaft aus dem Jahre 1809. "Damals brach für die Warstein die gesamte alte Welt zusammen", erklärte Schmidt-Nüse: Der Stadtbrand mit dem Umzug Warsteins ins Tal war nur der Anfang, in den Folgejahren wurden das Kloster Grafschaft, die Bistümer und die Zünfte aufgelöst.

Über 300 Warsteiner versammelten sich am Mittwoch Abend, um dieses historischen Ereignisses zu gedenken. Dietmar Lange stellte fest: "Heute waren Omnibusse in der Kirche." Nach der Messe wurden die Kirchenbesucher übrigens von einem starken Regenschauer überrascht - obwohl der Wind wie vor 200 Jahren von Osten her wehte, hätte kein Feuer eine Chance gehabt.


Quelle: WR Warstein vom 30.12.2002

Ein neues Warstein: Der schwierige
Wiederaufbau an Range und Dieploh

"Jetzt irrt der dürftige Mensch mit Stabe und Sacke gerüstet bettelnd im Lande herum, um nicht zu Grunde zu gehen", schreibt ein unter dem Synonym "Wiener Schmierhannes" arbeitender einheimischer Dichtender im Jahre 1803 die sich nach dem Stadtbrand darstellende Lage der Warsteiner Familien im kalten Winter 1803.

Not lindern konnten die Familien in den Wohnhäusern der Unterstadt "Auf dem Bruch" und im Bereich der heutigen oberen Hauptstraße und kleiner Seitengassen. Ein Wiederaufbau der Stadt sollte zuerst einmal die betroffenen Familien vor unübersehbare finanzielle Belastungen stellen. Spenden trafen aufgrund der weit reichenden Aufrufe von allerorten ein, gerade auch von den heute noch hessischen Städten, die seit wenigen Monaten mit Warstein dem gleichen Landesherrn gehorchten.

Am 21.1.1803 traf eine Kommission der hessischen Regierung ein, die aus dem Regierungsrat Floret und dem Oberstwachtmeister Sandfort bestand. Sie beriet mit den Repräsentanten der Stadt den Wiederaufbau Warsteins und ging dabei auch auf die Vorgabe des Stadtrates ein, der unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Henke und des "Prokonsuls" Enste eine erneute Bebauung des Stadtberges wünschten und zuerst vor allem gegen eine Ansiedlung im Tal an der Range votierten.

Schneller Weg zu den Feldern
Der zuerst gefasste Plan, den alten Stadtberg mit einer Erweiterung auf dem Kohlmarkt wieder zu bebauen, hatte vor allem wirtschaftliche Hintergründe. Warsteins Ackerbürger konnten von hier aus schnell ihre Felder erreichen.

Die Regierungsvertreter brachten erneut das Rangetal ins Gespräch, da die Wasserversorgung des Kohlmarktes noch schlechter als auf dem Stadtberg sei, als Ergänzung plante man zusätzliches Siedlungsgelände im "Dieploh". Im April und Mai 1803 legte man gemeinsam die Größe und Art der Häuser fest, wobei auch oft gegen heftigen Widerstand der Bürger, die hessische Bauweise - vornliegender Wohnteil in klassizistischer Form und rückwärts liegender Wirtschaftseil mit seitlicher Deeleneinfahrt - durchgesetzt wurde.

Nicht immer gingen diese Tage ohne Reibereien vor sich. Dem Aktuarius, so heißt es im Protokoll, habe sich "der Bernd Heinrich Göke bei seinem Erscheinen durch die frechsten Grobheiten ausgezeichnet, indem er mit den ungezogensten Gebehrden geradehin erklärt habe, er störe sich an nichts, bis Antwort von dem Fürsten eingegangen sei." Unter Anführung des Geheimrats Pape hatten sich einige betroffenen Bürger aufgrund vermeintlicher Fehlleistungen der Kommission sogar direkt an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt gewandt.

Ein Großteil der fast 100 Wohnhäuser wurden im gleichen Jahr schon errichtet nach gleichem Maßstab mit kleineren Differenzierungen in Aussehen und Aufteilung. Das damalige Wohnhaus der Familie Cramer gnt. Plückers ("Domschänke") weist in seiner Inschrift den 22.7.1803 auf, das benachbarte Haus der Familie Enste gnt. Kosmelchers den 26.6.1803, eine Inschrift im Haus Wrede gnt. Müllers datierte vom 21.10.1803.

Große finanzielle Leistungen
Das besonders charakteristische damalige Schulgebäude, der spätere "Alte Kindergarten" an der Straßenecke Hauptstraße/Aufm Bruch entstand auch zu dieser Zeit durch große finanzielle Leistungen des Industriellen Johann Christian Möller auf Haus Kupferhammer, währenddessen die Wiederherstellung der Alten Kirche noch einige Jahre auf sich warten ließ.


Quelle: WR Warstein vom 30.12.2002

Sichtbares Element einer Zeitepoche

Der Stadtbrand Warsteins am 31. Dezember 1802 hat nicht nur seine Bedeutung im Ende der mittelalterlichen Stadtanlage auf dem Stadtberg und der zukunftsweisenden Ansiedlung im Tal. Er markiert gleichsam als äußeres sichtbares Zeichen eine Zeitepoche, die für Warstein und seine Umgebung eine Vielzahl von Veränderungen im gesellschaftlichen Leben bedeutete.

Seit mittelalterlicher Zeit hatte man dem kurkölnischen Herzogtum Westfalen angehört und sah in dem Erzbischof von Köln seinen geistigen und weltlichen Landesherrn. Entsprechend der Städteordnung verwaltetet sich die Stadt weitgehend selbst durch einen Magistrat, an deren Spitze der Bürgermeister und sein Stellvertreter, im Jahre 1803 Bürgermeister Henke und stellvertretender Bürgermeister Enste, standen. Seit dem Frieden von Luneville am 9.2.1801 in Auseinandersetzung mit napoleonischen Truppen drohte dem Herzogtum Westfalen die Säkularisation. Die Reichsdeputation in Regensburg bestätigte am 24.8.1802, dass das kurkölnische Westfalen an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt fallen sollte, einem Vorschlag, der Napoleon selbst zugeschrieben wird. Am 6.9.1802 hatten hessische Truppen bei Olpe die Grenze überschritten, später erschien überall das Okkupationspatent des Landgrafen , der erklärte, dass das kurkölnische Westfalen "für ewige Zeiten" zu Hessen gehören solle.

Weitreichende Reformen wurden durch den fortschrittlichen Landgrafen und späteren Großherzog vorgenommen. Wichtig war auch für Warstein die Neuordnung seiner inneren Verfassung. Mit Errichtung der Ämter 1807 und der Aufhebung der Magistratsverfassung 1808/11, der Aufhebung der Zünfte 1811 wurden zukunftsweisende Schritte begangen, die die geliebte, aber auch nicht immer frei von inneren Reibereien geprägte Selbstständigkeit beseitigten und sie einer staatlichen Aufsicht opferten.

Seit 1816 gehörte Warstein zum Königreich Preußen, das frühere Amt Warstein arrondierte sich endgültig 1844. Kirchlich gesehen endete die kölnische Zugehörigkeit mit der Überweisung an das Bistum Paderborn 1823.