Liet-Höhle im Film


Quelle: Stadtmarketing Warstein


Quelle: "Eine Kulturschande", Heimatliebe - Heimatschutz, Beilage zu den Lüdenscheider Nachrichten, 26.08.1954

Eine Kulturschande
Frevlerhände vernichteten die Stalagmiten in der Höhle "Am hohen Liet"


Als 1948 im Steinbruch des Rangetales bei Warstein die Höhle "Am hohen Liet" aufgeschlossen wurde,, waren viele Menschen beglückt ob des Kleinodes, das, Jahrhunderttausende im Schoß der Erde verborgen, nun dem menschlichen Auge sichtbar wurde. Professor Dr. Lotze, Münster, Direktor des Geologisch- Paläontologischen Instituts der Universität, erforschte das Höhlensystem und schrieb in seinem Gutachten:

"Während die normalen Tropfsteingebilde der neuen Höhlen keine Besonderheit gegenüber den entsprechenden Steinen anderer Höhlen bilden, sind die übrigen zarten Kristallskelette, Kalzitröhrchen, -stengel und -büschel Elemente, die weder in der Bilsteinhöhle noch in anderen westfälischen Höhlen auftreten. Ich habe sie bisher nur in der Höhle von Aracena in Südspanien beobachtet. Durch die Entdeckung der Liethöhlen ist uns ein Wunderwerk der Natur geschenkt worden, das liebevoll zu pflegen und zu erhalten unser aller Anliegen sein muss."

Professor Lotze, die Naturschutzbehörden und -beauftragten, vor allem der wackere Beauftragte Theodor Pitz bemühten sich mit ganzer Kraft, den gesetzlichen Schutz der Höhle zu erreichen, und die besitzergemeinde Wrstein, stolz auf den Schatz im Berge, half nach bester Kraft, den Steinbruchbesitzer schadlos zu halten. Im Jahre 1950 konnten die Naturschutzbehörden in Arnsberg und Lippstadt die Verordnung über die Sicherung der Tropfsteinhöhle "Am Hohen Liet" im Amtsblatt der Regierung Arnsberg veröffentlichen.

Nun haben Frevlerhände in der Höhle ihr Unwesen getrieben. Der Eingang zur 20-Meter-Spalte wurde gewaltsam aufgebrochen und die Stalagmiten sowie der größte Teil der langen Tropfröhren zerschlagen. Von ihnen sind nur noch zwei oder drei in ihrer ganzen Länge vorhanden. Die auf dem Bild im Vordergrund stehenden beiden Stalagmiten sowie der schöne, von der Decke hängende lange Zapfen und das rechts dahinter befindliche, an einer Tropfröhre hängende Pendel sind verschwunden. Was Gottes Schöpferkraft in langen Zeiträumen im Schoße der Erde entstehen ließ, hat ein Mensch in einer einzigen Stunde für immer vernichtet.

Für einen gefällten Baum kann Ersatz geschaffen werden. Ein zerbombtes Bauwerk wird wieder neu errichtet. Selbst ein Meisterbild mag in etwa ersetzt werden. Was aber im Rangetal sich zugetragen hat, ist unwiederbringlich verloren. Das Menschenauge wird das Wunderwerk nie mehr schauen dürfen. Die Missetat aber ruft in alle Lande das wahre Wort vom Sterben der Ehrfurcht und dem Abfall von Gott. "Ein Urkundenbuch der Natur wurde brutal zerschlagen." Lkpr.


Quelle: Merian, Heft 9 "Sauerland", 1954, S. 56-59

Im Zauberreich der Zwerge und Feen
Höhlenforschung im Sauerland

Franz Lotze

. . . Wieviel größer aber ist das Erlebnis, eine ganz neue Tropfsteinhöhle zu entdecken und zu erforschen, eine, deren tiefes Dunkel noch Geheimnisse verhüllt, die Überraschungen bietet und deren Begehen ein Wagnis ist, wie jedes Eindringen in ein Neuland! Eine solche Neuentdeckung geschah vor einigen Jahren, und ich hatte - und habe - selbst das Glück, an der - noch nicht abgeschlossenen - Erforschung dieser sechsten Tropfsteinhöhle des Sauerlandes, derjenigen an der Hohen Liet südöstlich von Warstein, teilzunehmen.

Daß dieses Gebiet auffallende Karsterscheinungen aufweist, war schon seit langem bekannt. Da kommen von den Anhöhen des Schiefergebirges im Süden zwei Bäche herunter, meist nur klein, gelegentlich aber recht ansehnlich und wasserreich, der Wäschegraben und der Enkebach. Dort, wo sie das Warsteiner Kalkmassiv erreichen, erweitert sich ihr Taleinschnitt plötzlich zu einem tiefen Trichter, und auf dessen Boden verschwindet das Wasser gurgelnd und plätschernd in den Klüften des Kalksteins.


Hier versickert der Wäschegraben.

Wir zwängten uns in einer der schmalen Kluftspalten hinein, und es war dem Schlankesten möglich, dem Wasser weiter in die Tiefe zu folgen. Viele Meter fällt dieses vertikal hinab, brausend wie ein Wasserfall. Dann wurden die Spalten zu eng, um weiter vorzudringen; der Lauf des Wassers verbleibt im Dunkel der Bergnacht.

Eineinhalb Kilometer weiter nordwestlich, am Nordrande des Kalksteinkörpers, und etwa 30 Meter unter dem Niveau der Versickerung, tritt eine starke Quelle aus, mit der ein ganzer Bach, die Range, beginnt, die weiterhin durch die Stadt Warstein fließt. Schon mit ihrer überraschend starken Wasserführung im Frühling und Sommer kennzeichnet sie sich als Karstquelle.

Es lag nahe anzunehmen, dass hier das versickerte Wasser von Enkebach und Wäschegraben wieder zutage kommt, und eine Fäbrung des Wassers an der Versickerungsstelle sowie ein Salzungsversuch durch eingebrachtes Kochsalz bewiesen dies auch. Nach 35 bis 40 Stunden trat an der Quelle sowohl das gefärbte wie das gesalzene Wasser wieder heraus. Bei diesen Versuchen musste schon überraschen, dass das Wasser so lange Zeit für den mit 1,5 Kilometer doch recht kurzen und mit 30 Meter Gefälle recht steilen Weg benötigt.


Die Liethöhle liegt mitten im Steinbruch.

Noch eigentümlicher aber ist folgendes: Während die Bäche das ganze Jahr hindurch - wenn auch in verschiedener Menge - Wasser in das Gebirge fließen lassen, versiegt die Rangequelle im Spätsommer oder Herbst und bleibt oft bis tief in den Winter hinein völlig trocken. Wenn sie aber springt, fördert sie viel mehr Wasser zutage, als zur gleichen Zeit oben versickert. Das Wasser fließt also nicht einfach von der Versickerung zur Quelle durch, vielmehr ist zu schließen, dass da unterirdische Hohlräume und Behälter bestehen, in denen es sich sammelt, bis sie überlaufen. Hebersysteme müssen vorhanden sein, die die Behälter leer laufen lassen, so dass dann der Quellstrom abreißt, bis sich die Becken wieder hinreichend aufgefüllt haben.

In einer Phase der Trockenheit gelang es, auch in die Quelle selbst hineinzukriechen. Von der Quellöffnung führt ein niedriger Gang ins Gebirge. Ihm folgend, gelangt man alsbald in einen stubenförmigen Hohlraum, in den von verschiedenen Seiten Spalten einmündeten, die offenbar die Zuleitungen des Quellwassers darstellten. Sie waren so eng, dass man nicht weiter vordringen konnte.

Bei dieser Sachlage bedeutete es an sich keine Überraschung, dass ein etwa in der Mitte zwischen Versickerung und Quelle gelegener Steinbruch beim Abbau auf eine offene Spalte stieß. Dass damit aber der Zugang zu einer ausgedehnten, wunderreichen Tropfsteinhöhle erschlossen war, ergab erst die weitere Untersuchung.

Ganz niedrig und eng ist dieser Eingang. Flach auf dem Boden liegend kann man sich nur mühsam und langsam mit Ellenbogen und Füßen vorwärtsschieben. Bald aber vermag man sich aufzurichten, die eigentliche Höhle ist erreicht, ein Labyrinth steiler Spalten, mächtiger Gewölbe, runder Gänge, hoher Schächte. Manche Spalten sind so eng, dass man befürchten musste, in ihnen hängenzubleiben. Ein andermal verminderte sich die Höhe so sehr, dass man nur auf dem Boden liegend weiterrutschen konnte.


Dann standen wir vor einem fast senkrechten, breiten Spalt, der sich in dunkler Tiefe zu verlieren schien. Wir ließen uns an einer Strickleiter hinunter und ereichten nach etwa 10 Metern ein tieferes Stockwerk, das wiederum aus einem komplizierten System von Einzelgängen und Spalten besteht. Und abermals eine Etage tiefer, 20 Meter unter dem Niveau des Steinbruchs, gelangt man in ein drittes Stockwerk von Spalten und Gängen. Da geht ein tunnelförmiges Gewölbe seitlich ab. Es ist zur Hälfte mit kühlem Wasser gefüllt. Ein ganz beherzter steigt hinein und tastet sich vorwärts. Immer niedriger wird die Decke, und schließlich bleibt über dem Wasserspiegel kaum noch Raum.

Man muss den Kopf ganz schräg halten, um über dem Wasser zu bleiben, und eben noch lässt sich die Karbidlampe hindurchbringen. Aber dann öffnet sich wieder der Gang nach oben, und die Verbindung zu einem anderen Höhlenteil ist gefunden. Je weiter wir vordringen, um so mehr kommt uns das Gefühl an, in einem Zauberreich zu sein. Es ist einsam und still, leise fallen Wassertropfen von den Decken und Wänden. Die feuchte, kühle Luft verdichtet sich zu Nebelschwaden. Hier hat die Natur ungestört, von keines Menschen Hand beeinflusst, wirken können.

Alles ist noch so wie vor Jahrtausenden; wir stehen auf einem Flecken, den nie ein Mensch betreten hat. Die einzige Spur eines Lebewesens, die wir sehen, ist die Fährte eines Fuchses. Aber auch dieser Fuchs war sicher ein Gast aus den letzten Jahren; er kann erst Eingang gefunden haben, als die Höhle bereits geöffnet war.

Welche Wunderwelt haben in dieser stillen Abgeschlossenheit die Kräfte der Natur aus dem unscheinbaren Stoff Kalkstein aufgebaut! Von den Decken hängen Stalagtiten mannigfacher Art, zitzen- und zapfenförmige Gebilde bis hinab zu ganz feinen, zarten Röhrchen, dünn wie ein Bleistift, aber meterlang. Besonders am Grunde der 20-Meter-Spalte sind sie zu überraschender Länge gewachsen. Dort gibt es eine größere Halle, durch deren Mitte sich ein Vorhang solch zarter Gebilde zieht; ein Röhrchen hängt neben dem anderen; wir messen bis zu zweieinhalb Meter Länge. Der leichte Luftzug beim Vorübergehen bringt sie ins Schwingen; es dauert Minuten, bis sie sich wieder beruhigt haben.

An einer anderen Stelle füllen Hunderte von nebeneinander hängenden Röhrchen einen Winkel der Höhle. Jedes besteht seinem inneren Aufbau nach von unten bis oben aus einem einzigen Kristall. Den Stalagtiten sind von unten säulenförmige Stalagmiten entgegengewachsen, und manchmal vereinigen sich beide zu langen, schlanken Säulen. Prächtige Vorhänge und Gardinen, oft wunderbar durchsichtig und fein gebändert, hängen an den Wänden; glitzernde, schneeweiße, erstarrte Wasserfälle, Eis- und Schneepaläste, alles aus festem Kalkstein, lenken immer wieder die Blicke auf sich. Wir begegnen einer unendlichen Mannigfaltigkeit und Gestaltenfülle. Die Phantasie wird angeregt, und wir glauben, Gnomen, Zwerge, Feengrotten, Märchenpaläste und mancherlei Fabelgestalten zu sehen. Es ist ein Reich voller Zauber udn Schönheit.

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Quelle: "Unterirdische Zauberreiche des Sauerlandes", 1967, Heinrich Streich, S. 103

Liet-Höhle