Die Chronik des MGV 1858 Warstein

Aus der Geschichte des Männergesangvereins 1858 Warstein
(aus Sicht des 125. Jubiläums 1983)

Rückblick zu halten auf die Geschichte eines Chores, ist nicht ganz einfach, da 125 Jahre für das Weltgeschehen eine kurze Zeitspanne sind, für ein Menschenalter zu lang und für eine Vereinsgeschichte ein Zeitraum sind, der als Gradmesser dient, um festzustellen, ob der Grund, auf den die Vorfahren gebaut haben, fest und solide genug war, die Aufgaben und Inhalte dieses Chores bis in die heutige Zeit zu tragen.

Für Kenner ist die Entwicklung des Männerchorgesanges interessant. Auch der Männergesangverein 1858 Warstein entstand in der Zeit, als viele Chöre im heute vielfach belächelten "Liedertafelstil" gegründet wurden. Es war die Zeit der Romantik. Die Hauptakzente der Musik lagen auf Gefühl und Fantasie. Die Hinwendung zum Volkslied und das Erwachen des Nationalgefühles ließen in der Zeit viele Chöre und Gesangvereine entstehen.

Allerdings ist die Ursache der Gründung dieses Gesangvereins wohl nicht in diesem Zeitgefühl zu suchen. Sie muß im Zusammenhang mit dem Bau der Pankratiuskirche gesehen werden, welche am 1. September 1857 soweit fertiggestellt war, daß sie in Gebrauch genommen werden konnte. Da der Turm noch nicht fertig war, wurde die Kirche von dem damaligen Pfarrer Aufenanger vorläufig benediziert. Am Allerheiligentage des gleichen Jahres fand der erste feierliche Gottesdienst statt. In einer Predigt wünschte der Pfarrer den Gottesdienst durch Chorgesang zu verschönern. So wurde auf seine Anregung hin im Januar 1858 der Männergesangverein Warstein gegründet.

Wir haben hier also mehr oder weniger den ersten Warsteiner Kirchenchor vor uns. Der Lehrer Kaspar Meschede übernahm das Amt des Dirigenten und als erstes Übungslokal wurde der Schulraum der Elemantar Knabenschule benutzt. Bereits nach einem Jahr zählte der Verein 46 Mitglieder. Der Beitrag belief sich auf 2 Groschen monatlich. Nach Abschluß des ersten Rechnungsjahres hatte der Verein einen Kassenbestand von 16 Talern und 20 Groschen.

Es wurde neben der Kirchenmusik auch weltliche Musik gepflegt, und im Jahr 1864 gab der Verein sein erstes Konzert im hiesigen Schützenzelt, mit einem Reinertrag von 5 Talern, 2 Groschen und 6 Pfennigen. Am 26. Dezember desselben Jahres ergab das im Knüllen-Hause aufgeführte Theaterstück eine Einnahme von 22 Talern und 5 Groschen. Der Verein war sehr rührig in der Veranstaltung von Konzerten und Theateraufführungen und bereicherte das damalige gesellige Leben in der Stadt.

Das Ende des französischen Krieges brachte eine schwere Wirtschaftskrise mit sich, die sich auch auf den Vereinsbetrieb nachteilig auswirkte, aber schon bald erholte sich der Chorbetrieb, und es fanden wieder regelmäßige Chorproben statt. Als im Winter 1882/83 die Mitglieder Franz Brüg-gemann, Josef Haarmann, Ferdinand Brüggemann und August Enste eine tatkräftige Werbung durch Hausbesuche durchführten, war in kurzer Zeit der Mitgliederbestand wieder auf 40 aktive Sänger angewachsen.

So konnte der Verein am 22. Juli 1883 sein 25-jähriges Bestehen feiern. An diesem Fest nahmen auch die Chöre aus Eversberg, Velmede, Oeven-trop und Oestereiden teil. Der Oberförster Seifers als Vorsitzender des Festausschusses hatte dafür gesorgt, daß die Stadt in ihrem Festschmuck einem Fichtenwald glich. Die Musik wurde von der Warburger Musikkapelle ausgeführt. Als Begrüßungslied sang der Warsteiner Chor "Willkommen am Westerstrand". Dieses Lied löste beim Festkonzert helle Begeisterung aus. Leider ist der Chorsatz verlorengegangen.

Der Verein besuchte auch in diesem Jahr ein Sängertest, welches von der Liedertafel Arnsberg veranstaltet wurde. Dieses Sängertest sollte Anlaß zur Gründung des Sauerländischen Sängerbundes werden. Der Warsteiner Verein glänzte bei diesem Fest besonders durch seine Fähnriche. Die Presse schrieb: "Es waren dies 3 hühnenhafte Männer mit langen, wallenden Barten, welche beim Festzug allgemeines Interesse erregten". Es waren die Herren Peter Struiff, Josef Hoff und Johann Kneipschild.

Im Jahr 1889 schied der erste Chorleiter Kaspar Meschede nach 30-jähriger Tätigkeit aus. Seine Stelle übernahm der Rektorratsschullehrer August Kropp. Im Jahr 1907 trat der Verein dem neugegründeten Sauerländer-Sängerbund bei. 1908 feierte man das 50-jährige Bestehen zusammen mit 5 Nachbarvereinen aus Altenrüthen, Anröchte, Belecke, Erwitte und Lippstadt. Dazu kamen 12 Chöre aus dem Bezirk Oberruhr. Mit der Jubelfeier war ein Wettstreit verbunden, bei dem der Warsteiner Chor den ersten Preis errang.

Der Erste Weltkrieg setzte 1914 dem Vereinsleben in jähes Ende. Aber am 14. Januar 1919 fand nach dem Krieg die erste Generalversammlung wieder statt, und das Chorleben setzte wieder ein. Es folgten Jahre voll aktiver Arbeit und stolzer Erfolge, so das große Konzert am 14. April 1929 unter Mitwirkung der Militärkapelle des Inf.-Rgts 18 aus Paderborn, das erste dieser Art, dem sich weitere Veranstaltungen -11. Mai 1930 und 14. April 1931 - mit großem Erfolg anschlossen. Das Konzert am 11. Mai erhielt eine besondere Note dadurch, daß es die Erstaufführung des vom Chorleiter Paul Böhmer komponierten "Sauerländer Schützenmarsches" brachte. Außerdem erfolgte die Erstaufführung des Chorwerkes "Arion" von J. Böse. Der Komponist war hierzu aus Braunschweig persönlich angereist.

Das 75-jährige Jubelfest am 21. Mai 1933 wurde mit dem Bezirksfest des Sängerkeises Oberruhr verbunden. 20 Vereine nahmen teil.

Zur Konzerteinleitung sang der Männergesangverein Warstein unter Mitwirkung der Gesangsabteilung des kath. Gesellenvereins Warstein. Beim Wertungssingen belegte der Warsteiner Männergesangverein in der Klasse bis 30 Sänger den ersten Platz. In der Klasse bis 40 Sänger war der MGV-Liedertafel Freienohl und in der Klasse über 40 Sänger der MGV Cäcilia Freienohl erfolgreich.

Im Jahr 1933 erfolgte der Zusammenschluß aller Gesangvereine im Deutschen Sängerbund. Der Warsteiner Chor wurde dem Sängerkreis Lippstadt zugeteilt. Der 2. Weltkrieg schränkte die Probenarbeit immer mehr ein. Von 1944 bis Ende 1945 ruhte die Vereinsarbeit völlig, da fast alle aktiven Sänger eingezogen waren. Aber am 10. Januar 1946 eröffnete der l. Vorsitzende Franz Busch wieder die Generalversammlung. Erkonnte 30 Mitglieder begrüßen, die wie er den Krieg heil überstanden hatten. 5 Sangesbrüder befanden sich noch in Gefangenschaft.

Die folgenden entbehrungsreichen Jahre waren voller Improvisation und brachten Talente hervor, die besonders die Geselligkeit im Verein förderten. Es bestand hier auch ein Nachholbedarf, der viele Feiern und Festlichkeiten begehen ließ, bei denen der Selbstgebrannte keine unwesentliche Rolle spielt. In dieser Zeit wuchs der Verein noch enger zusammen und ließ den Geist entstehen, aus dem in den kommenden Jahren ein bemerkenswerter Aufschwung erwachsen sollte. So richtete der Männergesangverein 1858 Warstein am 10. September 1950 das Kreissängerfest aus. Unter dem Chorleiter Franz Pannenbäcker wurde das Festkonzert ein großer Erfolg. Unter diesem Chorleiter wurden viele anspruchsvolle Konzerte gegeben, so am 14. 10. 1951 mit Willi Schneider, am Karsamstag 1952 war der Chor im WDR in einer Sendung über die Warsteiner Osterfeuer zu hören. Ein besonders schöner Konzertabend fand am 9. Mai 1954 mit dem Bielefelder Kinderchor statt. 1500 Zuhörer hatten sich in der Sauerland-halle eingefunden. Eine Krönung dieser Entwicklung war die Feier des 100-jährigen Bestehens am 28. und 29. Juni 1958, verbunden mit dem Kreissängertest. 1000 Sänger aus 26 Chören weilten in der Wästerstadt. Die Menschenmenge beim Festakt auf dem Marktplatz war nicht zu übersehen. An beiden Tagen war die Warsteiner Bürgerschaft mit ganzem Herzen dabei und bekundete ihr Verbundenheit durch beispiellose Anteilnahme an allen festlichen Veranstaltungen.

1955 übernahm Hermann Klauke den Chor. Unter seiner Leitung wurde die Probenarbeit umfangreicher, und die musikalische Qualität verbesserte sich weiter.

Die Konzerte mit Kenneth Spencer, mit dem Heeresmusikkorps Münster und am 26. Juli 1964 beim Bundespräsidenten Heinrich Lübke in Enkhau-sen brachten die Bestätigung dieser Chorarbeit.

Unter Norbert Kick wurde diese Arbeit fortgesetzt. Die Konzerte und Liederabende mit der Trachtenkapelle Maishofen, mit Professor Nattermann, mit dem Ruhrlandsextett Bochum, mit Maria Hellwig und am 25. 2. 1977 im WDR sind vielen Besuchern und Zuhörern noch in guter Erinnerung.

Im Herbst 1980 übernahm Helmut Koch-Vollstedt den Chor. Kurze Zeit später, am 8.11. 1980 bei einer Veranstaltung des MGV Pankratius Belecke, wurde auch dem letzten Sänger klar, daß sich einiges ändern würde. Sänger und Zuhörer horchten auf. Und als der Chorleiter am 17. Januar 1981 die Worte sprach: "Ich bringe Sie dahin, wo Sie bis jetzt noch nicht gewesen sind", hat kein Sänger diesen Satz als überzogenen Optimismus aufgefaßt. Denn alle hatten inzwischen in den Proben Gelegenheit gehabt, diese Aussage ernst zu nehmen.

Das Konzert am 21. November 1981 in der Pankratiuskirche in Warstein mit dem Philharmonischen Orchester Dortmund brachte die Bestätigung. Der Erfolg kann als bisheriger Höhepunkt im Leistungsvermögen des Chores gesehen werden. Durch dynamische, intensive und disziplinierte Probenarbeit wurde der Chor zu dieser Leistung geführt.

Als Hauptwerk dieses Konzertes brachte der Chor die "Missa brevis in B-Dur" von Josef Haydn. Diese Haydn-Messe wurde seit ihrem Entstehen Ende des 18. Jahrhunderts nur selten aufgeführt. Sie gilt als eine der wenigen Männerchormessen überhaupt. Sie wurde als äußerst modern und abstrakt empfunden und von der damaligen Geistlichkeit abgelehnt. Mit der Aufführung dieser Messe, die nach Zahl der Aufführungen als Rarität gilt, bot der Chor eine Besonderheit, die in hohem Maße gelang.

In diesem Jubiläumsjahr will der Chor am 25. März 1983 in einem Konzert erneut beweisen, daß der beschrittene Weg zu weiterer Leistung führt. 1858 bis 1983 - 125 Jahre Wegstrecke eines Chores.

Der Weg war mühsam und schwer, oft voller Freude und Lebenslust, je nach Zeit und Ort, den er berührte. Der Weg wird weitergegangen von allen, die heute den Männergesangverein 1858 Warstein bilden. Möge er die von unseren Vorfahren eingeschlagene Richtung nicht verlassen.


Lexikon für die Stadt Warstein, erstellt durch Horst Hassel,
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